Einblick in die Geschichte der Kinderheilkunde
Die Bezeichnung "Kinderheilkunde" und "Kinderarzt" hat es schon im alten Indien gegeben, wo um 500 v.u.Z. der berühmte Kinderarzt Jivaka wirkte. Die Ägypter, Römer und Griechen kannten die Bezeichnung nicht.
In Deutschland spricht zuerst der Augustinermönch Abraham a Santa Clara (1644 - 1709) von "Kinderärzten".

Der erste in der Neuzeit namentlich genannte Kinderarzt ist wohl W.Cadogan vom Findelhaus in London (1782). Dagegen hat 1907 der ärztliche Kreisverein von Offenbach-Stadt die Bezeichnung "Kinderarzt" für "nicht der Würde des ärztlichen Standes entsprechend" erklärt. Die verspätete Entwicklung des Faches speziell in Deutschland hängt teilweise auch damit zusammen, dass es hier nur wenige kleine Findelhäuser gab, die den Nährboden kinderärztlicher Erfahrungen abgeben konnten.
An vielen kleinen Hochschulen ist die Kinderheilkunde dem Geburtshelfer zugeordnet.

Universitätskinderkliniken gab es zunächst nur Berlin, Leipzig, Wien, Prag, München und Würzburg. Die übrigen Universitäten hatten keine Kinderkliniken. Als 1874 von August Steffen eine Denkschrift vorliegt, erkennt man wohl die Wichtigkeit der Kinderheilkunde an, lehnt aber deren Selbstständigkeit ab; besondere Kliniken und Professoren seien nicht nötig: in kleineren Städten würden dadurch die anderen Kliniken benachteiligt.
Damit war die weitere Entwicklung (infolge gewisser Engstirnigkeit) vorerst gehemmt.
Um die Jahrhundertwende haben Schweden, Norwegen, Österreich-Ungarn, Frankreich und die Schweiz jene Forderungen längst erfüllt, um die in Deutschland immer noch gekämpft wird.
Mit 50-jähriger Verspätung wird 1918 endlich die Kinderheilkunde in der Prüfungsordnung für Mediziner verankert.

Die Lehrstühle wurden anfangs noch häufig von Internisten besetzt. E.Hennoch und O.Heubner waren ebenfalls
ursprünglich für innere Medizin habilitiert. Mehrfach wurden deshalb in Deutschland ausländische Vertreter
der Kinderheilkunde auf die Lehrstühle berufen, so z.B. A.Czerny, Pfaundler, Feer und Pirquet.

Der wohl erste, der in Deutschland eine kinderärztliche Schule begründete, war Otto
Heubner (1843 - 1926) aus Mühltroff im sächsischen Vogtland. Er erhielt die erste
ordentliche Professur für Kinderheikunde gegen den Widerstand der medizinischen
Fakultät. Heubners Nachfolger auf dem Berliner Lehrstuhl wurde A.Czerny, schließlich
die bedeutendste Persönlichkeit unter den deutschen Kinderärzten. Eng mit seinem
Namen verbunden sind A.Keller und G.Bessau, beides Persönlichkeiten, die jedem
Kinderarzt noch heute ein Begriff sind. Es sind die legendären Pionierzeiten kinder-
ärtlicher Forschung und Lehre, welche zu Säulen der modernen Pädiatrie wurden.

Leider wird selbst bis zum heutigen Tage vereinzelt die Meinung vertreten, dass es
sich bei Kindern nur um "kleine Erwachsene" handelt. Geistig-seelische Abläufe,
Umwelterfahrungen, Erkrankungen, Emotionalität sowie Erlebnisfähigkeit des Säug-
lings sowie des Klein- und Schulkindes sind von denen des Erwachsenen qualitativ
sehr unterschiedlich. Jede Messung, jede Dosierung eines Medikaments, jeder Ein-
griff in den anatomischen und physiologischen Entwicklungsstand hat die besonde-
ren kindlichen Verhältnisse zu berücksichtigen.

In der Kinderheilkunde geht es neben der Gesundheitsprophylaxe, der frühzeitigen
Diagnostik und Therapie entwicklungsbehindernder Zustände sowie Früherkennungsunter-
suchungen (z.B. U1–U9) vor allem um Kinderkrankheiten, also Erkrankungen, die vorwie-
gend oder ausschließlich im Kindesalter auftreten oder durch die Besonderheiten des rasch
wachsenden Organismus einen abweichenden Verlauf nehmen können.

Früher stand die Behandlung von Infektionen im Vordergrund. Heute spielt vermehrt auch die
psychosoziale Entwicklung des Kindes eine gewichtige Rolle – deswegen versuchen die Kinder-
ärzte, nicht nur die körperliche, sondern auch die seelische Entwicklung Ihres Kindes ganzheitlich
fördernd und helfend zu begleiten.
[inspiriert durch Text Quelle: A.Peiper - Chronik der Kinerheilkunde]